Unterstütze dein Baby, durch Weinen Stress abzubauen

Leider ist das Leben eines Neugeborenen gar nicht so stressfrei, wie wir es gerne wahrhaben möchten. Unbefriedigte Bedürfnisse, körperliche Schmerzen, Reizüberflutung und beängstigende Erlebnisse, aber auch entwicklungsbedingte Frustrationen verursachen bei einem Baby emotionale Spannungen. Ausserdem können auch Schwierigkeiten während der Schwangerschaft oder eine traumatische Geburt negative Folgen haben. Das Weinen ist ein natürlicher Mechanismus, um solche emotionale Spannungen abzubauen. Deshalb ist es wichtig, dass wir Eltern die unterschiedlichen Funktionen des Weinens kennen und es zum Spannungsabbau zulassen.

Weine nicht!

In unserer westlichen Kultur versucht man das Weinen möglichst zu unterdrücken. Wenn eine bekannte Person in der Öffentlichkeit weint, wird das oft in den Medien thematisiert – wer seine Gefühle nicht im Griff hat, ist schliesslich selber schuld. Aber Hand aufs Herz: wann haben wir das letzte Mal vor anderen geweint, ohne dass es uns dabei peinlich war? Es scheint tief in unserer Kultur verankert zu sein, das Weinen zu unterdrücken. Dass das nicht in allen Kulturen der Fall ist, verdeutlicht Jean Liedloff in ihrem Bericht von den Yequanas im Dschungel Venezuelas¹:

Ein anderes Mal war es ein Mann um die zwanzig: Ich bemühte mich, so gut ich konnte, die ersten Spuren von Wundbrand aus seinem Zeh herauszuschneiden. Es muss ausserordentlich qualvoll gewesen sein. Während er meinem Säubern der Wunde mit einem Jagdmesser keinen Widerstand entgegensetzte, weinte er ohne das geringste Zeichen von Zurückhaltung auf dem Schosse seiner Frau. Sie war, ebenso wie die Mutter des kleinen Jungen, völlig entspannt, setzte sich nicht im mindesten an die Stelle ihres Mannes, sondern war sanft zugänglich, als er sein Gesicht in ihrem Körper vergrub, wenn der Schmerz am grössten war, oder beim Schluchzen den Kopf auf ihrem Schoss von einer Seite zur anderen rollte. Die schliessliche Anwesenheit etwa des halben Dorfes auf dem Schauplatz schien keinerlei Bemühungen – weder in Richtung Selbstbeherrschung noch Dramatisierung – auszulösen.

Dieses Beispiel führt uns vor Augen, wie verkrampft und unnatürlich wir mit dem Weinen umgehen. So überrascht es auch nicht, dass wir bei unseren Kleinkindern ziemlich unsensibel auf das Weinen reagieren und kompetente Eltern ihr Kind rasch beruhigen können. Die Humanethologin Evelin Kirkilionis rät den Eltern²:

Sie sollten versuchen, Ihrem Baby so schnell wie möglich wieder aus den Schreiepisoden herauszuhelfen. Am wirksamsten ist eine Reaktion innerhalb von eineinhalb Minuten. Wie erwähnt, verdoppelt bereits ein Schreienlassen von fünf Minuten die Zeit, bis sich ein Baby wieder beruhigt, vollständiges Ignorieren verdreifacht sie.

Zumindest rät sie davon ab, das Kind durch Schaukeln und Bewegung zu beruhigen, da sich das Baby erneut errege, wenn man damit aufhört. Sie empfiehlt: »Ruhige Präsenz, Nähe, halt, ruhiges Ansprechen, Streicheln«. Trotzdem dienen diese Handlungen dazu, das Kind zu beruhigen und nicht, dem Baby einen Raum zum Weinen zu bereiten, der es ermöglicht, Stress abzubauen.

Wenn es ums Weinen geht, sind gerade viele bedürfnisorientierte Angebote keine grosse Hilfe! Sie setzen sich zwar dafür ein, dass man Kinder nicht einfach alleine schreien lässt, aber auf das Weinen als emotionales Ventil wird viel zu wenig eingegangen.

Die folgende Aussage ist weit verbreitet. Man findet sie auf den Webseiten diverser Trageberater, aber auch in Baby-Büchern und Artikeln verdienter Kinderärzte wie Herbert Renz-Polster und Remo Largo:

»Getragene Babys weinen weniger«

Wenn es um Babymassage geht, liest man Argumente wie:
»Babys weinen weniger, wenn sie massiert werden.«
Diese Aussagen sind an sich nicht falsch. – Sie suggerieren jedoch, dass Weinen etwas ist, das es zu vermeiden gilt und dass Eltern etwas unternehmen sollen, damit das Baby weniger weint.
Fairerweise muss aber auch erwähnt werden, dass zumindest in den Babymassagekursen der IAIM das Weinen als emotionale Kommunikation thematisiert wird.
Unser ältester Sohn hat im ersten Jahr häufig abends geweint. Manuela und ich klammerten uns an die Theorie der »Dreimonatskoliken«, die mit 6 Monaten vom Weinen infolge des Zahnens abgelöst wurde,  ohne dass wir bei den abendlichen Schrei-Attacken einen Unterschied bemerkt hätten. Ich war stolz, dass ich unseren Sohn durch das Tragen einigermassen beruhigen konnte.
Sorgen machten wir uns erst, als er im zweiten Jahr regelmässig nach dem Schlafen mit einem Weinkrampf erwachte und auch sonst ziemlich angespannt war.

Warum Babys weinen

Zu diesem Zeitpunkt brachte Aletha Solters Buch »Warum Babys weinen« endlich Licht ins Dunkel. Es erklärt die verschiedenen Arten des Weinens, beschreibt Ursachen für emotionalen Stress bei Babys und zeigt auf, welche Symptome auftreten können, wenn Kinder diesen Stress nicht durch Weinen abbauen. Nun konnten wir das Verhalten unseres Sohnes verstehen und hatten ein Rezept in der Hand, wie wir ihm helfen konnten.

Zwei Arten des Weinens

Aletha Solter unterscheidet zwei grundsätzlich verschiedene Arten des Weinens. Die eine dient der Kommunikation unmittelbarer Bedürfnisse, welche ein Eingreifen der Bezugspersonen erfordern. Die andere stellt einen Mechanismus zum Stressabbau dar. Dass die zweite Art des Weinens bei Babys so häufig übersehen wird, ist erstaunlich: Immerhin weinen Erwachsene wohl vor allem zu diesem Zweck und weniger, um nach einer Mahlzeit zu verlangen …

nach Aletha Solter
Art des WeinensWeinen als Signal für unmittelbares BedürfnisWeinen, um Stress abzubauen
Ursachen für das WeinenDas Baby braucht Nahrung,
es möchte Blase oder Darm entleeren,
es fühlt sich allein und möchte gehalten werden,
es hat zu warm oder zu kalt,
es hat Schmerzen
Das Baby hat stressige Erfahrung gemacht:
Pränataler Stress
Geburtstrauma
unbefriedigte Bedürfnisse
Reizüberflutung
entwicklungsbedingte Frustrationen
körperlicher Schmerz
beängstigende Erlebnisse
Rolle der ElternDas Bedürfnis rasch und präzise erfüllen.Ursache beseitigen, Stress vermindern. Das Kind liebevoll halten und im erlauben, zu weinen.

Wenn dein Baby weint, solltest du als erstes überprüfen, dass es sich nicht um ein unmittelbares Bedürfnis oder körperliche Beschwerden handelt. Dann kannst du davon ausgehen, dass dein Kind durch das Weinen Stress abbaut. Am besten, du hältst es dabei im Arm und zeigst ihm damit deine Liebe und vermitteltst ihm Mitgefühl und Trost. Lass das weinende Baby nicht allein, denn

  • es braucht deine Nähe, um die Spannung wirkungsvoll abzubauen
  • damit zeigst du dem Baby deine bedingungslose Liebe.

Erzeugt weinen Stress?

Auf einigen Webseiten kann man zum Tragen von Babys lesen, dass Weinen sogar Stress verursacht. Es wird dann etwa behauptet:

Getragene Kinder weinen weniger. Weinen erzeugt Stress und Stress ist nicht gut für die Gehirnentwicklung.

Dass getragene Babys weniger weinen ist eine Tatsache. Das kann einerseits damit zu tun haben, dass diese Babys durch den Kontakt zur Mutter den Alltag weniger stressig empfinden: Während dem sie getragen werden, sind sie ganz nah bei ihrer Bezugsperson und fühlen sich sicher. Es kann andererseits aber auch mit der »Trageruhe« zu tun haben. Dieser biologische Effekt ist bei Säugetieren weit verbreitet (Mäuse, Ratten, Kaninchen, Katzen, Menschen etc.): Wenn sie getragen werden, beruhigt sich der Herzschlag, das Weinen wird weniger, die Bewegungsaktivität nimmt ab. Das erleichtert der Mutter den Transport und ermöglicht eine unauffällige Beförderung des Babys aus Gefahrensituationen. Aber häufig beginnt das Baby wieder zu schreien, wenn man sich hinsetzt …

Durch Messung des Kortisolpegels im Speichel kann gezeigt werden, dass das Kind bereits vor dem Weinen gestresst ist – das Weinen ist eine Folge des Stresses und nicht dessen Ursache! Wie könnte man erklären, dass die Evolution einen biologischen Mechanismus hervorgebracht hat, der den Körper schädigt.

Eine Frage der richtigen Einstellung

Es ist nicht immer einfach, das weinende Baby zu halten und es über längere Zeit beim Weinen zu unterstützen. Wahrscheinlich konnten wir uns als Baby auch zu wenig ausweinen, was es uns erschwert, diese Rolle zu übernehmen. Ausserdem kommt vielleicht auch das Gefühl auf, dass man irgend ein Bedürfnis des Babys nicht mitbekommen hat und man das Elternsein nicht im Griff hat.

In so einer Situation hilft mir folgendes Mindset:

  • Das Weinen hilft dem Baby, Stress abzubauen.

  • Das Kind wird durch das Weinen ganz ruhig und entspannt.

  • Nach dem Weinen schläft das Baby tief und fest.

Literatur

  1. Jean Liedloff: Auf der Suche nach dem verlorenen Glück. Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit. Sonderausgabe 2005, C. H. Beck, München.
  2. Evelin Kirkilionis: Bindung stärkt. Emotionale Sicherheit für Ihr Kind – der beste Start ins Leben. 2. Auflage 2014, Kösel-Verlag, München.
  3. Aletha J. Solter: Warum Babys weinen – Die Gefühle von Kleinkindern. 3. Auflage 2015, Kösel-Verlag, München.
  4. Herbert Renz-Polster: Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt. 6., überarbeitete Auflage 2013, Kösel-Verlag, München.